„Jedes Baby hat es verdient, sich verstanden zu fühlen“

Sprechen zu lernen, ist gar nicht so einfach. Babys und ihre Eltern verbringen viel Zeit damit, das Gebrabbel des jeweils anderen zu verstehen. Bis es soweit ist, „redet“ man viel aneinander vorbei. Das müsste nicht sein: Wer mit Kindern auch über Gebärden, über Hand-Zeichensprache, kommuniziert, kommt schneller zum Ziel. Zudem fördert es die geistige Entwicklung der Kinder und stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Das ist die Erfahrung der Babyzeichensprache-Lehrerinnen Anke Nagel und Marianne Irmer.

Hallo Dresden: Wer zu Euch in den Unterricht kommt, fühlt sich wohl missverstanden…?
Anke Nagel: Eltern, aber auch Erzieher, die zu uns kommen, haben vor allem einen Wunsch: Sie wollen ihre Kinder besser verstehen. Mit den Babyzeichen erhalten unsere kleinen und großen Kursteilnehmer wortwörtlich etwas „an die Hand“, um sich einander besser verständlich zu machen – und es funktioniert!

Hallo Dresden: Sind denn kleine Kinder schon so geschickt mit ihren Händen, dass sie sich damit ausdrücken können?
Anke Nagel: Entwicklungsbedingt haben alle Babys einen ganz natürlichen Zugang zur Babyzeichensprache, die ja quasi auch von Babys „erfunden“ wurde: Am Anfang stand die Beobachtung, dass Babys gehörloser Eltern sich früh durch Handzeichen verständlich machten, während gleichaltrige Kinder, die auf die Lautsprache angewiesen waren, noch lange nicht kommunizieren konnten. Forschungen zeigten, dass das Sprechvermögen dem Sprachverständnis der Babys hinterherhinkt, ihre Handmotorik aber bereits früh hinreichend entwickelt ist: Das war der Ausgangspunkt, Gebärden sprachbegleitend auch in der Kommunikation mit Babys hörender Eltern einzusetzen.

Hallo Dresden: Das heißt, die Babysprache bietet ein Stück weit die Möglichkeit, dem Kind mehr auf Augenhöhe zu begegnen?
Anke Nagel: Definitiv! Wer Babyzeichen nutzt, wendet sich dem Kind zwangsläufig intensiver und bewusster zu: Kommunikation erfolgt auf diese Weise mit dem Kind direkt, nicht übers Kind hinweg.

Hallo Dresden: Wie nehmen die Kinder diese neue Art des Miteinanders an: Reagieren sie anders als vorher?
Anke Nagel: Die Erfahrung, sich verständlich machen zu können, macht Babyzeichen-Kinder schon früh zu selbstbewussten kleinen Persönlichkeiten; sie haben Freude daran sich mitzuteilen, sind ausgeglichener und seltener frustriert.
Marianne Irmer: Meine Tochter ist wesentlich entspannter, dies merke ich besonders im Unterschied zu Situationen, wo sie kein Zeichen hat, um sich verständlich zu machen und ich somit raten muss, was sie mir „sagen“ will.

Hallo Dresden: Hattet Ihr schon einmal Kinder im Kurs, die den Gebärden nichts abgewinnen konnten?
Anke Nagel: Natürlich kann es vorkommen, dass ein Kind während der Kursstunde nicht nach den Zeichen schaut, weil es zum Beispiel gerade das Krabbeln für sich entdeckt hat, oder Kontakt mit den anderen Kursteilnehmern sucht, oder den bunten Ball so toll findet; dann gibt es bestimmte Tricks, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu gewinnen. Grundsätzlich wird kein Kind gezwungen mitzumachen; und manchmal müssen auch einfach erst einmal dringendere Bedürfnisse befriedigt werden, ein leerer Bauch gefüllt, eine volle Windel gewechselt oder der Schlaf der vergangenen Nacht nachgeholt werden.

Hallo Dresden: Wie läuft ein Kurs ab?
Anke Nagel: Ein Baby-Kurs läuft über 10-12 Wochen. Den Rahmen jeder Stunde bilden ein Begrüßungs- und Abschiedslied und eine Portion Seifenblasen (die dürfen nicht fehlen!). Dazwischen lernen die Eltern die neuen Zeichen rund ums Thema der Stunde, das sind Essen und Trinken, Spielen, Tiere, Wetter und so weiter. Das Ganze begleiten wir kindgerecht mit entsprechenden Materialien, Liedern, Fingerspielen, Kniereitern, Musik und Tanz. Neben den praktischen Übungen gibt es Hintergrundinformationen sowie Tipps und Anregungen für die Anwendung der Babyzeichen im Alltag. Und natürlich ist auch Zeit für den Erfahrungsaustausch untereinander und um auf individuelle Fragen einzugehen.

Hallo Dresden: Und das Lernpensum: Gibt es einen langen Vokabelkatalog zu lernen oder sogar ganze Sätze?
Anke Nagel: Die Teilnehmer lernen pro Stunde acht bis zehn neue Zeichen, so dass sie am Kurs-Ende rund 90 Zeichen beherrschen: Hiervon übernehmen sie dann, was für ihren individuellen Alltag wichtig ist. Im Unterschied zur Gebärdensprache gebärden wir in der Babyzeichensprache keine ganzen Sätze; lediglich die Hauptaussage des Satzes wird durch ein Zeichen begleitet. Also zum Beispiel: „Magst du etwas essen?“. Das macht auch insofern Sinn, da sich das Sprachverständnis des Babys zunächst auf dem Ein-Wort-Niveau bewegt: Durch das begleitende Zeichen kann sich das Baby leichter auf das konzentrieren, was gesagt wird, und die Wortbedeutung schneller erfassen. Lautsprache ist immer dabei: Schließlich soll das Baby am Ende das Sprechen lernen. Die Babyzeichen helfen, die Zeit zu überbrücken bis der kleine Mensch unserer Lautsprache mächtig ist.

Hallo Dresden: Warum ist Musik dabei?
Anke Nagel: Weil es damit umso mehr Spaß macht…
Marianne Irmer: …und weil die Kinder meist andächtig lauschen, wenn in einer großen Gruppe gesungen wird. Viele Mamas suchen sich auch Lieder aus, die sie dann zu Hause öfter singen, weil sie merken, wie viel Freude ihr Kind am Gesang hat. Auch in unserer Familie helfen Lieder, wenn es gerade etwas chaotisch zugeht oder das Anziehen nicht so recht klappen will.

Hallo Dresden: Welches ist die einfachste Babygebärde…?
Anke Nagel: Am einfachsten sind sicherlich die Zeichen, die sich vom Öffnen und Schließen der Hand ableiten, wie etwa „Milch“, „Licht“ oder „Winke-Winke“: Schließlich ist der Greifreflex quasi von Geburt an vorhanden.

Hallo Dresden: …und welche ist für die Eltern die hilfreichste…?
Marianne Irmer: Für uns waren – und sind es noch – die Zeichen für „Milch“, „Essen & Trinken“ und „auf die Toilette gehen“. Letzteres klappt leider nicht immer, aber immer häufiger…

Hallo Dresden: …und welche machen Kinder besonders gern?
Anke Nagel: Zu den beliebtesten Zeichen gehören in jedem Fall „Mehr“, „Milch“, „Vogel“, „Hund“, „Licht“, „Baum“…und „Mama“ und „Papa“.
Marianne Irmer: Bei meinen beiden Babyzeichenkindern waren „Milch“, „Baum“ und die „Sirene“ die absoluten Favoriten!

 

Johann - 14 Monate - zeigt WO

Spielerisch lernen: Für Johann mit seinen 14 Monaten gibt es kaum Schöneres als sich zu verstecken und die Erwachsenen mit den Händen zu fragen „wo?“ er wohl sei. Wenn sich der Schleier dann lüftet, folgt ein von fröhlichem Lachen begleitetes „Da!“.

 

Hallo Dresden: Bekommt Ihr Rückmeldung von Euren Kursteilnehmern: Welche Bedeutung haben die Gesten dann im Alltag?
Anke Nagel: Babyzeichen erleichtern und entspannen den Alltag mit Kind: So hat mir unter anderem eine Kursteilnehmerin berichtet, wie schön es ist, dass ihre Tochter beim Babyturnen zu ihr kommt, um zu zeigen, dass sie etwas „trinken“ mag, während die anderen Mamas ihre Kinder mit der Trinkflasche verfolgen. Darüber hinaus bereichern Babyzeichen das Familienleben mit zahlreichen, ganz besonderen Momenten, wenn zum Beispiel der Sohnemann über den „Baum“ mit „Licht“ im Weihnachtszimmer staunt oder Mama ihren Johann wieder und wieder unter einem Tuch versteckt, woraufhin er erst „Wo?“ zeigt, sich dann freudestrahlend das Tuch vom Kopf reißt, und mit den Händen eifrig fordert: „Nochmal!“.
Marianne Irmer: Ich persönlich empfinde auch die Kommunikation der Geschwister untereinander als sehr schön. Die Jüngste kann ihren großen Geschwistern ganz genau zeigen, was sie denn jetzt gerne mit ihnen zusammen machen möchte. Ganz beliebt sind Buch anschauen und schaukeln. Ich habe auch positive Rückmeldung von unserer Tagesmutter bekommen, der ich immer die aktuellen Zeichen gezeigt habe: „Es ist ja so entspannt mit eurem Kind, sie zeigt ja alles!“.

 

Zora zeigt BLUME

Die Kinder können zeigen, was sie meinen: Hier schwärmt Zora von der Blume. Doch nicht nur Gänseblümchen bekommen durch die Zeichen eine weitere Bedeutungsebene: Wenn die Kinder Alltagsdinge zeigen können, stimmt sie das froh, macht sie offener und zufriedener.

 

Hallo Dresden: Wie lange bleiben die Gebärden beispielsweise Bestandteil des familiären Miteinanders? Das verläuft sich doch bestimmt, sobald die Kinder sprechen können?
Anke Nagel: Zunächst nutzen die Kinder die Zeichen noch eine Zeit lang parallel zum gesprochenen Wort. Besonders beliebte Zeichen sind oft noch länger in Gebrauch, ebenso wie Zeichen für schwierige Wörter, wie „Krokodil“ oder „Hubschrauber“. Manchmal kann es auch vorkommen, dass das Zeichen schneller abrufbar ist, auch wenn das Kind das Wort eigentlich schon sprechen kann, zum Beispiel wenn ein Kind müde ist.
Marianne Irmer: Bestimmte Zeichen nutzen wir immer noch, auch wenn die großen Kinder schon aus dem Babyzeichenalter herausgewachsen sind. Dazu gehören „Bitte“ und „Danke“: Hier kann ich meine Kinder ganz dezent daran erinnern, falls sie es in der entsprechenden Situation einmal vergessen haben. Ansonsten werden die Zeichen mit der Zeit weniger, bei uns wurde „Krokodil“ noch sehr lange gezeigt.

Hallo Dresden: Wem empfehlt Ihr, es einmal mit Babyzeichensprache zu versuchen?
Anke Nagel: Besonders profitieren natürlich Kinder davon, die beispielsweise auf Grund einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte und den damit einhergehenden Operationen in ihrer Sprachentwicklung behindert werden; auch für Kinder mit Down-Syndrom ist die gebärdenunterstützte Kommunikation eine große Hilfe…
Marianne Irmer: … und auch bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen, können Babyzeichen helfen, sich in beiden Sprachen gut zurecht zu finden.
Anke Nagel: Davon abgesehen hat es ein jedes Baby verdient, sich verstanden zu fühlen! Insofern sind Babyzeichen für alle Eltern empfehlenswert, ebenso wie für alle Krippenerzieher und Tagesmütter/-väter.

 


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Kontakt Anke Nagel:
Zwergensprache – Babyzeichensprache
Anke Nagel
Prof.-Ricker-Straße 18a
01277 Dresden
Telefon: 0351 3205355
Mobil: 0152 22043262
E-Mail: anke.nagel@babyzeichensprache.com
www.astgabel-dresden.de

Kontakt Marianne Irmer:
Mamutra – Beratung, Kurse, Workshops
Marianne Irmer
Papstdorfer Straße 49
01277 Dresden
Mobil: 0151 28277367
E-Mail: marianne.irmer@babyzeichensprache.com
www.mamutra.de

 

Videos und weitere Informationen zur Babyzeichensprache:
www.babyzeichensprache.com

 

Fotos: Archiv Irmer / Archiv Nagel