„Ich füge zur geschichtlichen Seite auch die Komponente Mensch bei“

Wenn Sachsen einen neuen Kurfürsten braucht – er hat schon dafür geübt: Uwe Müller ist seit zehn Jahren Darsteller historischer Persönlichkeiten. Seine Leidenschaft gilt dem 18. Jahrhundert. Eine Zeit, deren Beginn in Dresden vor allem mit einem Mann in Verbindung gebracht wird: Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen, der sich später zudem als König von Polen und Großherzog von Litauen (als August II.) bezeichnen durfte. Uns vor allem bekannt als: August der Starke; eine Paraderolle für Uwe Müller?

Hallo Dresden: August den Starken – was machte Ihn aus?
Uwe Müller: Die Zeit in der Er gelebt hat, im Barock mit allen Höhen und Tiefen, mit Niederlagen und Siegen.

Hallo Dresden: …und was machte Ihn an?
Uwe Müller: Eine Dynastie, die Wettiner, zu stärken, natürlich einen Königs- oder vielleicht sogar einen Kaisertitel hinzuzufügen. Menschlich gesehen natürlich das opulente Leben, Essen, Feiern, Musik, Frauen, Kriege, Liebe, Leid, Schmerz und das aber alles in Bezug auf die Staatsrepräsentation gesehen. Der Mensch war immer auch Churfürst und König!

Hallo Dresden: Mittelalterlich kleiden, mit lateinischen Wendungen durchzogene Texte einüben, Vorführungen in Strumpfhosen… Woher kommt Dein Interesse an historischen Darstellungen?
Uwe Müller: Vor vielen Jahren hat mich mal jemand gefragt, ob ich ihn bei Stadtrundgängen unterstützen könne. Es wurde gesagt: „Du musst dir aber ein Kostüm anziehen.“ Ich fand Gefallen daran und so fing ich an, mich intensiv mit dem Barock und auch mit der Figur zu beschäftigen, die ich damals darstellte, den Grafen von Wackerbarth, den dritten Mann im Lande Sachsen. Ich las Bücher, schluckte Staub im Staatsarchiv und bekam so einen intensiven und unverklärten Eindruck von dieser Zeit. Ich habe daraufhin sogar ein Buch über diesen sehr einflussreichen Mann geschrieben. Leider habe ich noch niemanden gefunden, der bereit ist, es zu verlegen.

 

Hallo Dresden: Und wie ist Uwe Müller schließlich zum König geworden?
Uwe Müller: Vor drei Jahren bin ich dann dem Förderverein für Kunst und Kultur Schloss Übigau beigetreten. In Augusts kleinem Schloss an der Elbe bekam die Rolle des Churfürsten einen ersten Auftritt. Ich lernte auch polnische Freunde und Gleichgesinnte kennen. Damit war dann die Rolle in mir geboren. Ein weiterer Punkt war die Geburt der Polnisch-Sächsischen Kulturtage in Rydzyna: Großes Kino im historischen Schloss!

Hallo Dresden: Gibt es noch weitere „August“-Mimen?
Uwe Müller: Aber natürlich. Verschiedene Interessen und Sichtweiten auf August und seine Zeit lassen auch viele Varianten eines Churfürsten zu.

Hallo Dresden: Und bei Dir selbst: Ist August der Starke Deine Paraderolle oder erlebst Du das 18. Jahrhundert auch mal von einem anderen Stande aus?
Uwe Müller: Meine Paraderolle ist und bleibt die Darstellung des Grafen Wackerbarth. Dieser lädt auch einmal im Jahr zu einem historischen Ball nach Schloss Proschwitz. Eine weitere Rolle in der Darstellung historischer Persönlichkeiten ist die Rolle des Herzogs Friedrich III. zum größten Barockfests in Deutschland auf Schloss Friedenstein in Gotha, immer am letzten Wochenende im Monat August.

Hallo Dresden: Wenn Du in die Rolle des Königs schlüpfst, bekommst Du auch ein Gefühl dafür, wie aufwendig die tägliche Toilette des Monarchen gewesen sein muss. Wie lange dauert die Verwandlung vom Betreten des Ortes, an den selbst der König zu Fuß geht – bis zum vorzeigbaren Barock-Herrscher?
Uwe Müller: Na ja, Männer haben es hier natürlich immer etwas einfacher. So brauche ich, mit Hilfe des Kammerdieners, rund eine halbe Stunde, um hoffähig zu sein. Die Damen des Hofes brauchen schon mal vier bis sechs Stunden, um geschnürt, frisiert und wohlriechend zum Ball zu erscheinen.

Hallo Dresden: Mit dem Kostüm, das Du heute trägst, verbindest Du die Vergangenheit mit der Gegenwart. Ist das originalgetreu?
Uwe Müller: Eine hundertprozentige Übereinstimmung gibt es nicht: Wir waren ja nicht dabei vor 300 Jahren. Natürlich versuche ich, soweit es eben die Finanzen und das handwerkliche Geschick zulassen, mich dieser Zeit anzunähern. Wichtiger erscheint mir in der Rolle Augusts eher der Wiedererkennungswert. Es ist beim Spiel mit dem Publikum schon sehr wichtig, wenn die Leute selber merken, mit wem sie gerade sprechen. Es ist interessant, wie viele Ihre Haltung und Ihr Benehmen dadurch verändern. Es würde aber wenig nutzen in einem alten sächsischen Dialekt zu reden: Die wenigsten verstehen es und die Verständigung wird schwieriger. Natürlich versuche ich schon mal ab und zu gestelztes Hofsächsisch zu reden. Lustig ist es allemal! Um die Darstellung abzurunden füge ich zur geschichtlichen Seite auch die Komponente Mensch bei. Dadurch ist es leichter eine Botschaft und Wissen zu vermitteln.

Hallo Dresden: Als König August repräsentierst Du bei vielen öffentlichen Veranstaltungen einen Teil Dresdener Geschichte. Wie reagieren Gäste bzw. Zuschauer?
Uwe Müller: Nicht nur Dresdner Geschichte, sondern auch sächsisch-polnische Geschichte! Die große Perücke macht es leichter, das viele Wissen unterhaltsam zu vermitteln. Aber auch mit meiner Art und Weise ist es einfach, interessiertes Publikum zu begeistern.

 

Hallo Dresden: Wie gelingt es Dir, eine Stimmung des 18. Jahrhunderts herzustellen?
Uwe Müller: Mit viel Equipment und Requisiten aus meinem Fundus kann man schon einzelne Sequenzen und Bilder der damaligen Zeit vermitteln. Wie wenn man durch ein Zeitfenster schaut…

Hallo Dresden: Was lehrt uns der Barock – für unser Leben heute?
Uwe Müller: Wir sollten wieder entschleunigen, das Leben etwas mehr genießen. Natürlich Kunst, Musik, Kultur, Bildung und Werte fördern, fordern und diese bewahren.

Hallo Dresden: Ein konkretes Beispiel in Dresden…
Uwe Müller: Das Haus des Hofnarren Fröhlich! Was für ein Theater um dieses wunderbare Gebäude. Bei den Diskussionen um den Wiederaufbau fühle ich mich gleich um 300 Jahre zurückversetzt. Damals war es nicht anders. Die Dresdner spielten eben schon immer eine Sonderrolle unter den Sachsen.

Hallo Dresden: Mit Blick auf das heutige Dresden: Was hätte der Monarch anders gemacht?
Uwe Müller: Das ist eine schwierige Frage! Er würde vielleicht Kunst und Kultur etwas intensiver fördern. Aber da das auch damals immer eine Frage des Geldes war und August nie welches hatte, ist es schwer, Parallelen zu ziehen. Vielleicht würde er die Stadt auf seine Art und Weise zwingen, sich um das Schloss Übigau zu kümmern?

Hallo Dresden: Seit einigen Jahren hat Dresden ja wieder aktive Monarchen. Die betreiben ein Ballspiel mit ausgeklügelten Strategien, einem gezielten Siegeswillen folgend – sehr zur Freude ihrer Zuschauer. Wäre das auch etwas für die gar illustren Feste des großen, starken Feldherrn gewesen?
Uwe Müller: Na ja aber, das wäre ein Spiel nach seiner Fasson. Er hätte sich mit Freuden in das Getümmel gestürzt.

Hallo Dresden: Wer sich für den König, sein Leben und seine Zeit interessiert, sollte sich was anschauen…?
Uwe Müller: Erst einmal die alte Serie des DDR Fernsehens „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. Als zweites sind die Museen, Archive, Kulturdenkmäler, Bibliotheken des Landes Sachsen immer einen Besuch wert!

Hallo Dresden: Gibt es historische Hintergründe, die Du noch nicht klären konntest, die Dich weiter „suchen“ lassen?
Uwe Müller: Auch ich habe nur Bröckchen aus dem Wissensschatz der Archive geborgen. Aus dieser Zeit gibt es noch so viel aufzuarbeiten. Es ist gut, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich die Zeit nehmen in den Archiven zu forschen. So ist es dann immer wieder schön ein neues Buch in den Händen zu halten. Hier wäre es schön, mehr Unterstützung durch das Kulturamt der Stadt Dresden oder des Landes Sachsen zu erhalten.


 

Kontakt
„Augustus Rex“
Uwe Müller
Großenhainer Straße 137
01129 Dresden
Telefon: 0351 8214695
E-Mail: kontakt@augustusrex.de
www.augustusrex.de

Fotos: Malgorzata Armo (Header), Jens Steinbrecher (Pferd & Verlesen), Archiv Müller