„All diese Dinge nicht nur theoretisch, sondern alles ganz praktisch“

Die zentrale Frage: „Warum teure Nachhilfestunden bezahlen, wenn wir selbst genug Potential haben und uns untereinander helfen können?“, bringt das Geschäftskonzept der Schülerfirma am Pestalozzi-Gymnasium auf den Punkt. Die Betriebsleitung liegt in den Händen der Schülerinnen und Schüler – eine Menge Verantwortung. Franziska Köhler führt das Unternehmen als Schülerin, unter anderem gehören noch Daniela Janz und Anne Hörner mit zum Schüler-Team; Betreuerin Angela Stojanow behält für die Schüler die Verbindung zur Praxis „Drumherum“ mit im Blick.

Hallo Dresden: Warum braucht es eine eigene Schülerfirma für die Hilfe untereinander? Können sich die Schüler nicht auch unentgeltlich, auf freundschaftlicher Basis eines gemeinsamen Miteinanders, gegenseitig helfen?
Franziska Köhler: Das tun sie ja auch. Aber das reicht halt oft nicht. In einer Schülerfirma ist es geschäftlicher und wird ernster genommen. Dadurch bleibt man konzentrierter bei der Arbeit und wird nicht so leicht abgelenkt. Wenn man sich mit Freunden zum Lernen trifft, macht man am Ende gar nicht das, was man eigentlich wollte.
Angela Stojanow: Bei uns helfen die älteren Schüler den Jüngeren. Auch mit und aus ihrer eigenen Erfahrung heraus, immer ganz individuell, in enger Absprache mit dem Fachlehrer und vor allem regelmäßig. Wir sehen uns damit in der Mitte zwischen der Hilfe des Klassenkameraden und der professionellen außerschulischen Nachhilfe.

Hallo Dresden: Und wie unterscheidet sich die Lernhilfe von den Nachhilfe-Angeboten, zum Beispiel der Hausgabenbetreuung durch Lehrer?
Anne Hörner: Es ist persönlicher und man kann auf den einzelnen Schüler viel besser eingehen. Und Schüler können Schülern oftmals einfach besser die Dinge erklären, weil sie näher dran sind, selbst noch Schüler sind und wissen, wo es manchmal klemmt. Da können manche Tipps gegeben werden, die einem selbst geholfen haben. Bei Schülern haben die Nachhilfeschüler oft auch weniger Berührungsängste, und trauen sich, vermeintlich „doofe“ Fragen zu stellen.
Angela Stojanow: Wir sprechen deshalb im Übrigen auch nicht von Nachhilfe, sondern von Schülerhilfe, weil Nachhilfe ja von vornherein impliziert, dass da jemandem „nach“-geholfen werden muss, weil er nicht mitgekommen ist. Im Übrigen verstehen wir uns aber auch nicht als Hausaufgabenmacher oder -betreuer für andere Schüler.

 

 

Hallo Dresden: Wie kommen „Lehrer“ und Schüler zusammen?
Franziska Köhler: Wir werben jedes Jahr bei den guten Schülern der 8. bis 11. Klassen für eine Mitarbeit als PMB-Lehrer. Auf der anderen Seite erhalten alle Schüler auch zu Schuljahresbeginn unser Angebot für die PMB-Schülerhilfe und können sich jederzeit bei uns dafür anmelden. Dann hat unsere Personalabteilung die Aufgabe, für jeden angemeldeten Schüler den richtigen PMB-Lehrer zu finden, der im gewünschten Fach und zu der gewünschten Zeit helfen kann; das ist oft das schwerste. Dann erhält der PMB-Lehrer alle Kontaktdaten, die Verträge werden abgeschlossen, der Raum zugeteilt und los geht’s! Die PMB-Lehrer lassen sich dann jede Stunde quittieren und reichen die Abrechnungen monatlich bei uns ein. Damit haben wir dann auch die Kontrolle, dass die Schülerhilfestunden laufen und können die PMB-Lehrer bezahlen und die Rechnungen an die Eltern schicken.

Hallo Dresden: In welchen Fächern und in welcher Klassenstufe wird besonders häufig Unterstützung benötigt?
Franziska Köhler: Vor allem in Mathe und Englisch, vor allen in den 5. bis 7. Klassen, Physik und Spanisch sind auch oft gefragt.

Hallo Dresden: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Schüler zum PMB-Lehrer werden kann?
Franziska Köhler: Am wichtigsten ist natürlich, dass die Leistungen gut sind, sprich Note 1 oder 2 in den jeweiligen Fächern. Des Weiteren muss man die Fähigkeit besitzen, gut erklären und auf andere eingehen zu können. Zudem muss man auch eine gewisse Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein haben, denn die Schülerhilfe ist ja eine ernsthafte Angelegenheit.

D.Janz, F.Köhler, A.Hörner

Frühjahr 2016: Franziska Köhler, 9. Klasse, Geschäftsführerin und Leiterin Personalmanagement/Verträge (mi.), sowie Daniela Janz (li.) und Anne Hörner (re.), beide ebenfalls Klasse 9, in der Geschäftsführung verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit/Verkauf, speziell für Schulplaner und T-Shirts.

 

Hallo Dresden: Wie bereiten sich die Lehrer auf ihre Rolle als Lehrer vor?
Franziska Köhler: Alle PMB-Lehrer erhalten eine Schulung, bevor sie anfangen. Dazu bekommen sie ein spezielles „Handbuch“ mit vielen Hinweisen zu Aufbau und Ablauf der Schülerhilfe. Auch stehen bei uns im Büro Hilfsmittel, wie Übungsblätter oder Aufgabenhefte zur Verfügung. Und die jeweiligen Fachlehrer der Schule stehen auch immer mit Hinweisen und Übungsaufgaben bereit.

Hallo Dresden: Was ist, wenn ich mich als Schüler an einer anderen Schule an Euch wende, um Nachhilfe zu bekommen?
Franziska Köhler: Das wäre leider problematisch. PMB-Schülerhilfe findet ja in den Räumen unserer Schule statt und das Besondere ist ja, dass wir die Schülerhilfe immer in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Fachlehrer ganz individuell für den einzelnen Schüler machen. Das wäre bei schulfremden Schülern nicht möglich. Außerdem sind unsere Kapazitäten leider oft nicht mal ausreichend für die Nachfrage am eigenen Gymnasium.

Hallo Dresden: Kurz zusammengefasst: Was bedeutet es, nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen einer regulären GmbH zu arbeiten?
Franziska Köhler: Ganz einfach: Wir arbeiten wie eine richtige Firma. Es gibt eine Geschäftsleitung mit Geschäftsführer und Abteilungen – für Personal, Finanzen, Marketing – mit den jeweiligen verantwortlichen Leitern und sogar eine Teamassistentin. Alle PMB-Lehrer arbeiten mit einem Arbeitsvertrag und die Schülerhilfe läuft auch über richtige Verträge. Bei der Gründung haben wir einen richtigen Businessplan erstellt, eine Bedarfsermittlung gemacht, ein Bankkonto eröffnet und so weiter. Alle Verträge müssen ordentlich erfüllt, die Löhne bezahlt und die Einnahmen verbucht werden. Das geht nicht auf Zuruf sondern nur mit ganz konkreten Verantwortlichkeiten und Regeln. Und jedes Jahr wird ein Jahresabschluss mit Geschäftsbericht gemacht. Und die Geschäftsleitung, das sind gleichzeitig die Gesellschafter der Schüler-GmbH, entscheidet über die Gewinnverwendung und die weitere Strategie der Firma. – Das ist ja gerade das Tolle an einer Schülerfirma, dass man all diese Dinge nicht nur mal theoretisch in der Schule lernt, sondern alles ganz praktisch selbst machen kann!

 

Hallo Dresden: Welche Aufgabe hat dabei die betreuende Lehrerin der Schule?
Franziska Köhler: Wir haben zwei Betreuer: Frau Jannusch, die Lehrerin, kümmert sich in erster Linie um das Zusammenspiel mit der Schule, spricht mit Schülern, Lehrern, der Schulleitung, koordiniert und ist für die pädagogischen Belange zuständig. Frau Stojanow, unsere externe Betreuerin seit neun Jahren, hat selbst eine Firma und ist als Betriebswirtin vor allem für die ganze praktische Organisation und die betriebswirtschaftliche Seite der Schülerfirma zuständig.

Hallo Dresden: Gibt es „Erfolgsgeschichten“, sprich wie spiegelt sich die Unterstützung in den Noten der Schüler wider? Oder konnten Versetzungsgefährdete sogar schon „gerettet“ werden?
Angela Stojanow: Ja natürlich. Sonst hätten wir ja wohl was falsch gemacht! Und würden nicht im neunten Geschäftsjahr bestehen! Wir machen zum Schuljahresende immer eine Evaluation mit unseren „Kunden“, um zu erfahren, was unsere Arbeit gebracht hat und was wir verbessern können. Das ist für uns immer Motivation und Ansporn, weiter zu machen. Bisher waren die Einschätzungen immer positiv! Im Übrigen hatten wir auch Schüler, die in der 5./6. Klasse mal selbst PMB-Schüler waren und in der 8. Klasse als PMB-Lehrer zu uns gekommen sind! Das ist doch die beste Erfolgsgeschichte, oder?

Hallo Dresden: Habt Ihr Rückmeldung von ehemaligen „Lehrern“? Was ist aus Ihnen geworden? Haben einige von Ihnen tatsächlich den Beruf als Lehrer gewählt?
Angela Stojanow: Wir wissen definitiv von zwei ehemaligen PMB-Lehrerinnen, die heute mit Freude Pädagogik studieren. Das meiste Feedback kommt aber von den ehemaligen Mitarbeitern der Geschäftsführung, die immer wieder betonen, wie viel sie durch ihre Tätigkeit in der Schülerfirma gelernt haben. Das reicht von den sogenannten „Soft skills“ – dazu zählen selbständiges, eigenverantwortliches Handeln, Anleiten Anderer, Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen – bis hin zu ganz praktischen Dingen, die man als Schüler in der Schule so nicht lernen kann, wie der Erstellung eines Businessplanes, Kontoeröffnung, Buchhaltung, Vertragsgestaltung, Marketing und überhaupt das praktische Erfahren, wie eine Firma funktioniert. Im Übrigen haben uns das auch oft die Eltern unserer Mitarbeiter bestätigt und uns gesagt, wie froh sie sind, dass die Schülerfirma solche Möglichkeiten geboten hat.

 

Hallo Dresden: Ein weiterer Geschäftszweig ist der Verkauf von T-Shirts? Für wen sind die gedacht? Und: Wie läuft das Geschäft?
Angela Stojanow: In Zusammenarbeit mit dem Förderverein des Pestalozzi Gymnasiums haben wir vor rund fünf Jahren einen Wettbewerb für ein neues Schullogo ausgelobt und dieses dann zusammen mit einer Grafikerin aus den Siegerentwürfen gestaltet. Die Idee war, über das Logo eine Art Corporate Identity für das Gymnasium zu entwickeln, mit dem sich die Schüler auch wirklich identifizieren können. Inzwischen ist das Logo fest etabliert. Und die T-Shirts mit dem Schullogo verkaufen sich vor allen bei den 5. bis 7. Klassen sehr gut. Auch der Schulchor wurde schon komplett damit ausgestattet.

Hallo Dresden: Und was ist der „Schulplaner“?
Daniela Janz: Ein ganz wunderbares Hausaufgabenheft ganz speziell für das Pestalozzi Gymnasium, das heißt mit ganz vielen Informationen und Daten nur für unser Gymnasium, so dass auch die Eltern bei Bedarf ganz schnell die richtigen Infos und Kontakte zur Hand haben. Außerdem gibt es darin noch viele, für die Schüler wichtige, Informationen, denn der Schulplaner wird ganz speziell nach den Wünschen der Schüler von den Schülern der Schülerfirma gestaltet. Das ist im Übrigen ein riesiger logistischer Aufwand! Aber der Planer ist sehr begehrt. Der fürs nächste Schuljahr geht schon immer im Februar davor in den Druck.

Hallo Dresden: Abschließend noch: Was wünscht Ihr Euch für die PMB S-GmbH?
Angela Stojanow: Wir wünschen uns manchmal etwas mehr Anerkennung für die viele Arbeit. In der Schule ist die Schülerfirma gut etabliert. Aber das Thema Schülerfirmen und ihr großer Nutzen sind allgemein zu wenig bekannt. Bis vor ein paar Jahren gab es regelmäßige Schülerfirmenmessen in Sachsen, bei denen sich Schülerfirmen vorstellen, sich gegenseitig kennenlernen und austauschen und in Workshops viele neue Dinge lernen konnten. Das war unwahrscheinlich inspirierend für die beteiligten Schüler. Leider gibt es dafür seit etwa fünf Jahren kein Geld mehr vom Wirtschaftsministerium. Dieses Forum würden wir uns wieder wünschen, auch um mal über den eigenen Tellerrand hinaus gucken zu können.


 

Kontakt
Pimp my Brain S-GmbH
Die Schülerfirma vom Pestalozzi-Gymnasium Dresden
Pestalozziplatz 22
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E-Mail: pmb-pesta@gmx.net
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