„In einem geschützten Umfeld gemeinsam lernen und leben“

Das Areal um die Fischhausstraße 12/12a am Albertpark bietet körperlich beeinträchtigten jungen Menschen beste Möglichkeiten, den Tag zu gestalten: Die Kinder und Jugendlichen gehen hier zur Schule und zur Ganztagesbetreuung, manche leben im Wohnheim vor Ort. So gebündelt die Energien zur Entwicklung und Betreuung auch sein mögen, die Einrichtungen stoßen immer wieder an ihre finanziellen Grenzen. Der Rollimaus- Verein hilft mit wichtigen Aktionen weiter. Stefan Krause ist der Vorsitzende.

Hallo Dresden: Was hat es mit der „Rollimaus“ auf sich?
Stefan Krause: Zu DDR-Zeiten gab es eine Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche bestehend aus Schule und angeschlossenem Internat. Nach der Wende wurde die Einrichtung auf mehrere Träger aufgeteilt. Es bestand der Wunsch nach einem Verein, der – unabhängig von den Trägern – Spenden einwerben kann und dadurch zusätzliche Höhepunkte für die Kinder schafft bzw. Projekte finanziert, die die Träger der Einrichtungen nicht übernehmen können. Unser Vereinslogo wurde schließlich von meinem Onkel entworfen, der sich über einen langen Zeitraum intensiv im Verein engagiert hat. Da in den durch den Verein geförderten Einrichtungen viele Rollstuhlfahrer unterwegs sind, lag die Maus im Rollstuhl als Synonym nahe. Ich finde, das passt super zu uns!

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Wenn durch das Wirken vieler Beteiligter ein Großprojekt gelingt, wie diese Schaukel speziell für Rollstuhlfahrer, freut sich auch der Vereinsvorsitzende Stefan Krause.

 

Hallo Dresden: Doch es sind eben nicht nur Rollstuhlfahrer in der Fischhausstraße 12/12a unterwegs…
Stefan Krause: Das stimmt. In den von uns geförderten Einrichtungen befinden sich Kinder, die in der körperlich-motorischen Entwicklung eingeschränkt sind sowie auch Kinder mit chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Kurzdarmsyndrom, Epilepsie, Nierenerkrankungen, auch mit autistischen Verhaltensweisen sowie mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung.

Hallo Dresden: Warum ist ein zentrales Areal für die Kinder und Jugendlichen wichtig?
Stefan Krause: Wie schon erwähnt, leben einige der Kinder und Jugendlichen das ganze Jahr über im Wohnheim. Sie verbringen den ganzen Tag auf dem Gelände der Fischhausstraße. Es ist Schul-, Therapie-, Wohn- und Freizeitort zugleich. Aufgrund der vielfältigen Benachteiligungen ist es aus meiner Sicht wichtig, Wege zwischen den Einrichtungen zu verkürzen. Wir als Verein haben darauf wenig Einfluss, können aber durch Spenden für die Kinder die Bedingungen in Schule, Therapie und Freizeit ein wenig verbessern und den einen oder anderen Herzenswunsch erfüllen. Und wenn durch unseren Verein die einzelnen Kooperationspartner „näher zusammenrücken“, ist allen geholfen, da wir uns ja als Verein für alle Einrichtungen auf der Fischhausstraße 12 und 12a verstehen.

Hallo Dresden: Wer im Verein Mitglied ist, ist vermutlich auch irgendwie mit Kindern an den Einrichtungen in der Fischhausstraße verbunden…?
Stefan Krause: Das ist richtig! Viele Eltern, ehemalige und aktuelle pädagogische Mitarbeiter, Mitarbeiter aus anderen im Haus angegliederten therapeutischen Bereichen sowie auch ehemalige Zivis halten unserem Verein die Treue und engagieren sich für uns, auch wenn sie nicht mehr in die Schule gehen bzw. ihr Berufsleben beendet haben. Ich selbst habe 1993/94 meinen Zivildienst im Wohnheim geleistet und anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der „Rollimaus“ absolviert. Dadurch bin ich zum Verein gekommen. Im Moment sind wir an die 75 Mitglieder. Wir sind alle ehrenamtlich tätig. Jeder ist herzlich willkommen, uns durch seinen Mitgliedsbeitrag und seine Kontakte oder Ideen zu unterstützen!

Hallo Dresden: Da Ihr den Alltag und die Unternehmungen auch aktiv begleitet, habt Ihr einen guten Überblick: Welchen Kindern und Jugendlichen – oder auch deren Eltern – sind die Einrichtungen auf dem Areal wärmstens zu empfehlen?
Stefan Krause: Das Angebot hier ist sehr vielfältig und dementsprechend sind auch die Bedürfnisse der Menschen hier sehr unterschiedlich. Gut aufgehoben sind hier vor allem Kinder und Jugendliche, die Besonderheiten in ihrer körperlich-motorischen Entwicklung und daher einen sonderpädagogischen Bedarf haben. Meist ist es für diese sehr hilfreich, mit Altersgefährten in einem geschützten Umfeld gemeinsam zu lernen und zu leben. Den Eltern ist oft auch eine umfassende Betreuung wichtig, die aus allen therapeutischen, pädagogischen und medizinischen Bereichen schöpfen kann und zudem einen sicheren, kinderfreundlichen Wohnplatz bietet. Das kann auch Hilfe und Unterstützung bei der Pflege oder – im Rahmen der Verhinderungspflege – eine Pause in der anstrengenden Betreuung ihrer Kinder bedeuten. Durch die Vielfalt vor Ort ist das breite schulische Angebot mit verschiedenen Bildungsgängen auch sehr reizvoll.

 

Hallo Dresden: Welche Schwerpunkte setzen Schule und Ganztagesbetreuung?
Stefan Krause: Sie verstehen sich als Brücke zu einem möglichst selbstbestimmten Leben in sozialer Integration. Und bieten insbesondere Schülern mit körperlichen und motorischen Herausforderungen Raum und Zeit für lebenspraktisches und zukunftsorientiertes Lernen sowie Bewegung, Ruhe und Wahrnehmungsförderung. Die bedürfnisorientierte Beratung, Begleitung und Förderung wird den individuellen Besonderheiten der Kinder und Jugendlichen gerecht: Durch vielfältige Aktivitäten innerhalb und außerhalb des Förderzentrums nehmen sie am öffentlichen Leben teil.

Hallo Dresden: Schule, Wohnheim, Ganztagsbetreuung – Mit dem Verein engagiert Ihr Euch in mehreren Einrichtungen. Wie entscheidet Ihr, welcher Wunsch als nächstes umgesetzt wird?
Stefan Krause: Alle Einrichtungen haben den gleichen Stellenwert, Projekte sind auf der Webseite veröffentlicht, die Entscheidung erfolgt nach Priorität, bevorzugt gern auch Projekte, die allen Einrichtungen zu Gute kommen, wie Rollstuhlschaukel, Bauvorhaben im Außengelände und Unterstützung der Feriengestaltung. Alle Wünsche müssen schriftlich an den Vereinsvorstand gestellt werden. Im Vorstand engagieren sich Mitglieder aus den einzelnen Einrichtungen sowie Mitglieder und Eltern, die nicht dienstlich mit den Einrichtungen verknüpft sind. Also eine sehr gute Arbeitsmischung!

 

Hallo Dresden: Gibt es „Langzeit“-Projekte, für die Euch noch ein Impuls – sei es finanziell oder kreativ – fehlt?
Stefan Krause: Aktuelles Hauptziel in diesem Jahr ist ein „Motion-Composer“, einem Gerät also, das selbst kleinste Bewegungen erkennen und in Töne umsetzen kann. Wir benötigen außerdem regelmäßig Mittel für Therapiefahrzeuge, Freizeitfahrzeuge und allgemein zur Freizeitgestaltung oder für verschiedene elektronische Hilfsmittel im Bereich der unterstützten Kommunikation sowie auf lange Sicht wieder einen neuen Vereinsbus, da unser Fahrzeug inzwischen auch schon wieder zehn Jahre alt ist.

Hallo Dresden: Oft engagieren sich Mitglieder in Vereinen über viele Jahre hinweg: Habt ihr „ehemalige Kinder“, die sich heute bei der Vereinsarbeit mit einbringen?
Stefan Krause: Durchaus. Kinder, die heute erwachsen sind, kommen uns regelmäßig besuchen, stöbern auf der Vereinswebseite, was es Neues gibt und unterstützen uns bei der einen oder anderen Aktion.

 


 

Kontakt
Verein zur Förderung körperbehinderter und chronisch kranker Kinder und Jugendlicher e. V.
Fischhausstraße 12a
01099 Dresden
Telefon: 0351 2663114
E-Mail: vorstand@rollimaus.de
www.rollimaus.de

 

Fotos: (c) Rollimaus – Verein zur Förderung körperbehinderter und chronisch kranker Kinder und Jugendlicher e. V.