„Nicht selten haben sich auch Freundschaften ergeben“

Es gibt keinen Anlass zur Freude, wenn sich jemand ans Prothesenwerk wendet: Unfall, Krankheit oder angeborene Anomalien können den Körper recht unangenehm aus der Balance bringen. Diese wieder herzustellen, haben sich Alexander Stamos und Christoph Braun verschrieben. Der Silikontechniker und der Orthopädietechniker wissen um die Bedürfnisse ihrer Kunden; deshalb tun sie ihr Möglichstes dafür, deren Lebensqualität zu verbessern. Zum Beispiel mit Prothesen, die so täuschend echt aussehen, dass sie von Unbeteiligten gar nicht als solche wahrgenommen werden.

Hallo Dresden: Zu „täuschend echt“ gibt es auch einen Gegensatz: „auffallend bunt“, wenn ich das mal so umschreiben darf: Manchmal sind Prothesen regelrechte Hingucker. Welcher Zweck steckt dahinter?
Christoph Braun: Grundsätzlich ist es uns immer eine besondere Freude, Prothesen richtig ausgefallen zu gestalten. Wir hatten gerade einen Patienten aus der Schweiz da. Er ist oberschenkelamputiert und will die Prothese möglichst knallbunt haben. Er hat den Standpunkt, dass ohnehin jeder seine Prothese sehen kann. Dann soll es aber bitte richtig auffallen. Tatsächlich kommt das aber nur selten vor. Zumeist möchten die Patienten Prothesen bekommen, die so unauffällig wie möglich sind. Und das kann ich auch gut nachvollziehen. Viele Patienten möchten nicht permanent der „Hingucker“ sein.

Hallo Dresden: Gibt es eine „Standard“-Reihe, die zum Beispiel von der Krankenkasse gezahlt wird, und eine „Custom“-Reihe, bei der sich die künftigen Nutzer selbst entscheiden, aber auch bezahlen müssen?
Alexander Stamos: Das kann man pauschal nicht sagen. Es hängt immer von der jeweiligen Krankenkasse, dem Herkunftsland und der Situation des Patienten ab. In Deutschland ist es häufig so, dass die Krankenkassen ein Grundmodell bezahlen. Wünschen die Patienten eine individuelle Versorgung müssen sie die Differenz selbst bezahlen. Unsere ausländischen Patienten zahlen in der Regel alles privat und bekommen teilweise etwas von ihren einheimischen Krankenkassen erstattet.

Hallo Dresden: Über welche Beträge sprechen wir hier?
Christoph Braun: Das variiert sehr und hängt von dem Amputationsniveau des Patienten ab. Wenn wir das Beispiel einer Silikonfingerprothese in der bestmöglichen Ausführung mit Acrylfingernagel – diese können sogar lackiert werden – nehmen, liegen die Kosten etwa bei 3.000 Euro. Eine komplette Unterarmprothese mit einem individuellen Silikonüberzug kostet etwa 10.000 Euro.

Hallo Dresden: Wer zahlt die Nachbesserungen und anfallende Reparaturen?
Alexander Stamos: Nach Auslieferung einer Prothese besteht eine 6-monatige Garantiezeit auf die Prothese. Alle Nachbesserungen in dieser Zeit gehen auf unsere Kappe. Ausgeschlossen sind dabei allerdings Beschädigungen die wir nicht beeinflussen können. Wir hatten beispielsweise einen Patienten, der sich beim Zwiebel schneiden mit dem Messer in die Prothese geschnitten hat. Unsere Prothesen heilen leider nicht von selbst.
Christoph Braun: ….noch nicht (lachend)

Hallo Dresden: Ist das Material für die Prothesen eigentlich immer das gleiche? Wahrscheinlich nicht, ein Finger muss ja anderen Ansprüchen genügen als ein Unterschenkel…
Christoph Braun: …genau. Die Materialvielfalt ist eines der schönsten Dinge in unserem Beruf. Es gibt fast kein Material mit dem wir nicht arbeiten. Prothesenfüße sind häufig aus Karbon, in Prothesenkniegelenken finden sich viele verschiedene Kunststoffe und Metalle. Die Verbindung zwischen Kniegelenk und Fuß ist häufig ein Aluminium- oder Titanrohr. Die Prothesenschäfte stellen wir aus einer Verbindung von Kunstfasermaterialien und Kunstharz her. Und die optische Veredelung erreichen wir mit unseren individuell gefertigten Silikonverkleidungen.

 

Alexander Stamos (li.) und Christoph Braun gehen Projekte gemeinsam an. Sie und ihr Team sind auf der ganzen Welt geschätzte Experten für qualitativ hochwertige und gern auch kreativ gestaltete Prothesen.

Alexander Stamos (li.) und Christoph Braun gehen Projekte gemeinsam an. Sie und ihr Team sind auf der ganzen Welt geschätzte Experten für qualitativ hochwertige und gern auch kreativ gestaltete Prothesen.

 

Hallo Dresden: Im Prothesenwerk arbeiten hauptsächlich Orthopädietechniker: Welche Anforderungen bringt der Job mit sich?
Alexander Stamos: Das stimmt nicht ganz. Wir haben einige Orthopädietechniker beschäftigt, aber nicht ausschließlich. Ich bin beispielsweise ausgebildeter Zahntechniker und habe mich dann auf die individuelle Silikontechnik spezialisiert. Jetzt sehe ich mich als Prothesendesigner. Wir haben weitere Mitarbeiter eingestellt, die völlig berufsfremd sind. Wichtig ist für uns, dass wir Kollegen finden, die ein gutes handwerkliches Geschick sowie Form- und Farbgefühl haben. Außerdem müssen sie auch eine hohe Frustrationsgrenze haben, denn am Anfang geht viel daneben (lacht). Ansonsten ist uns die Persönlichkeit enorm wichtig. Wenn es zwischenmenschlich hakt, macht es keinen Spaß. Und den wollen wir weiter an unserer Arbeit haben.
Christoph Braun: Ich bin einer von den gelernten Orthopädietechnikern und habe mich noch zum Handwerksmeister weiterqualifiziert. Die Ausbildung zum Orthopädietechniker dauert in der Regel drei Jahre. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass Alex die schöneren Verkleidungen für die Prothesen herstellt. Dafür kenne ich mich mit der klassischen Prothesenherstellung ganz gut aus. Wobei wir uns da auf einen kleinen Bereich beschränken: Wir stellen nur Bein- und Armprothesen her. Das versuchen wir auf einem vernünftigen Niveau zu machen. Wir wollen kein Komplettanbieter sein. Wir sehen uns eher als eine Manufaktur. So können wir uns genügend Zeit für die Patienten nehmen und zusammen die individuellen Bedürfnisse herausfinden. Diese Freiheit hat auch jeder der diesen Beruf erlernt. Er ist so vielfältig, dass man sich „etwas heraussuchen“ kann was einem liegt.

Hallo Dresden: …doch die reine technische Ebene reicht doch nicht aus. Auch optisch, wir hatten es am Anfang, sollen die Prothesen ja passen…
Alexander Stamos: Das ist die große Herausforderung. Auch wenn wir eine noch so genaue Farbabstimmung am Patienten für eine Fingerprothese, um bei dem Beispiel zu bleiben, machen können wir nie garantieren, dass die Farben immer zu 100 Prozent passen. Geht der Patient beispielsweise in die Sonne bräunt sich seine Haut. Die Prothese bleibt aber wie sie ist. Außerdem verändert sich die Haut auch kurzfristig bei Hitze oder Kälte. Eine Prothese ist und bleibt ein Kompromiss.
Christoph Braun: Wobei wir schon ziemlich nah an das Original herankommen. Der Patient selbst ist immer der kritischste Faktor, denn er weiß, wo ihm was fehlt. Für einen Außenstehenden ist oft nicht zu erkennen, dass jemand eine Prothese trägt.

 

Hallo Dresden: Beschreibt doch bitte, welche Schritte notwendig sind, bis jemand eine solche Fingerprothese tragen kann.
Alexander Stamos: Das ist ein ziemlich aufwendiger Prozess. Der Patient kommt zu uns und wir unterhalten uns, um herauszufinden, was seine Ansprüche sind. Danach messen wir uns den betroffenen Finger des Patienten aus und machen zusätzlich einen Gipsabdruck vom betroffenen Finger und auch von dem erhaltenen Finger der Gegenhand. Nach diesen Vorgaben fertigen wir zuerst einen Probefinger, den wir dem Patienten zum „Probetragen“ mit nach Hause geben. Dabei stellt sich heraus, ob die Prothese gut passt, ob sich der Stumpf durch das Tragen der Prothese verändert und ob der Finger alltagstauglich ist. Wenn alles klappt können wir dann den finalen Finger fertigen. Dafür brauchen wir noch etwa zwei Wochen.

Hallo Dresden: Geht eine Prothese durch mehrere Hände oder kümmert sich jeweils ein Mitarbeiter von Anfang bis Ende um ein Werkstück?
Christoph Braun: Wenn es um eine reine Silikonprothese handelt, versuchen wir die Arbeit in einer Hand zu belassen. Es ist uns wichtig, dass die Patienten immer den gleichen Ansprechpartner haben. Schließlich baut sich auch ein Vertrauensverhältnis auf. Das klappt nur bei einer guten Zusammenarbeit. Wenn wir klassische Prothesen mit einer individuellen Silikonverkleidung herstellen arbeiten wir in der Regel zu zweit mit dem Patienten. Beispielsweise kümmere ich mich um die Prothese und Alex um die Verkleidung. Das Schöne ist, dass wir so alles gut aufeinander abstimmen können.

Hallo Dresden: Wie sieht ein Arbeitstag aus?
Alexander Stamos: Ausschlafen, gegen 10:00 Uhr in die Werkstatt kommen und nicht nach 15:00 Uhr Feierabend machen (lacht laut).
Christoph Braun: Ja so sieht es bei Dir aus. Ich bin immer schon halb zehn da.
Alexander Stamos: Nein im Ernst. In der Regel beginnt unser Arbeitstag um halb acht. Wir besprechen zuerst den Tag und die Patienten, die kommen werden. Außerdem klären wir Probleme bei anstehenden Prothesenanfertigungen im Team. In den letzten Wochen mussten wir häufig etwas länger arbeiten, da Arbeiten für Saudi Arabien fertig werden mussten. Wir betreuen in der Hauptstadt Riad drei Krankenhäuser. Dort fliege ich alle zwei bis drei Monate hin und versorge die Patienten mit unseren, in Dresden gefertigten, Prothesen. Normalerweise versuchen wir unseren Arbeitstag aber zwischen 18 und 19 Uhr zu beenden.
Christoph Braun: Wobei das nicht immer einfach ist. Zum einen macht die Arbeit viel Spaß zum anderen gibt es immer noch allerhand administrative Arbeit, die wir uns für den Abend aufheben.

Hallo Dresden: Was liegt heute an Aufträgen auf dem Tisch?
Alexander Stamos: Ich fertige gerade eine Unterarmkosmetik für eine Patientin aus Riad. Die muss heute unbedingt fertig werden.
Christoph Braun: Ich muss heute ein Gipsmodell für einen oberschenkelamputierten Patienten modellieren und hinterher die Prothese aufbauen. Morgen ist die erste Anprobe.

Hallo Dresden: Eure Prothesen sind international gefragt. Wie kommt’s?
Christoph Braun: Es gibt nicht viele Firmen, die sich mit der Herstellung von so individuell gefertigten Prothesen beschäftigen. Wir haben das für uns als Nische erkannt und viel Werbung, auch mit ausgefallenen Dingen, gemacht. Alex hat beispielsweise eine Unterarmprothese mit einem innenliegenden Aquarium gebaut. Die ist ein Knaller! Irgendwann wurden die lokalen Medien auf uns aufmerksam und haben über uns berichtet. Eines Tages erreichten uns E-Mails von Zeitungen wie abc news aus New York und Daily Mail aus London. Wir dachten erst, es seien Spam Mails. Aber nein, sie waren echt. Wir haben alle Fragen zu unseren Prothesen beantwortet und Fotos von Versorgungen an die Redaktion geschickt. Alles wurde veröffentlicht und unsere Arbeiten gingen plötzlich um die Welt. Daraufhin bekamen wir unglaublich viele Anfragen. Jetzt versorgen wir Patienten aus Brasilien, China, Russland und aus einigen europäischen Ländern.

Hallo Dresden: Dass Ihr Wert auf Langlebigkeit legt, ist klar. Doch wie lange hält selbst eine solide Prothese? Oder lässt sich das nicht generell sagen?
Alexander Stamos: Das ist abhängig von der Pflege und der Benutzung der Prothese. Eine Fingerprothese ist bei normalem Tragen und guter Pflege nach drei Jahren verschlissen.
Christoph Braun: Anders sieht es bei funktionellen Prothesen, beispielsweise für das Bein, aus. Dort geht man von einer fünfjährigen Lebenszeit aus.

Hallo Dresden: Was war der bisher außergewöhnlichste Auftrag?
Alexander Stamos: Das war ein kompletter kosmetischer Beinausgleich für eine Patientin aus Brasilien. Neben der riesigen Umfangsdifferenz zum anderen Bein hatte die Patientin auch noch ein 16 Zentimeter kürzeres Bein. Christoph hat die Orthoprothese (Mischung aus Orthese und Prothese, Anm. d. Redaktion) hergestellt und ich habe mich um die kosmetische Verkleidung aus Silikon gekümmert.

Hallo Dresden: Gab es auch schon einmal einen Auftrag, den Ihr abgelehnt habt?
Christoph Braun: Ja. Aber das war so intim, dass wir es hier nicht erzählen können.

Hallo Dresden: Für wen würdet Ihr gern einmal eine Prothese fertigen?
Alexander Stamos: Eigentlich freuen wir uns über jeden Patienten. Ich habe da keine besonderen Wünsche.
Christoph Braun: Ich würde Heather Mills gern mal versorgen. Es würde mich interessieren was sie so alles zu erzählen hat (lacht).

Hallo Dresden: Welches Design von Prothesen würdet Ihr gern einmal fertigen?
Alexander Stamos: Die Art beziehungsweise das Design ist bei uns sowieso immer individuell. Ich sehe jedes einzelne Produkt als ein kleines Kunstwerk. Egal, ob mit Tätowierung, Aquarium oder so natürlich wie möglich.

Hallo Dresden: Was empfehlt Ihr Menschen, die eine Prothese brauchen oder wollen?
Christoph Braun: Nach einer Amputation ist das Leben für jeden schwer. Es ist ein großer Schlag, wenn plötzlich eine Gliedmaße fehlt. Das muss man immer berücksichtigen, auch wenn der Umgang mit Prothesenträgern für uns Alltag ist und wir da keine Hemmschwellen haben. Jeder Mensch ist anders und geht anders damit um. Wir versuchen unseren Patienten wieder ein Stück Lebensqualität zurück zu geben und ermuntern die Patienten, sich nicht aufzugeben. Wir sagen den Patienten auch, dass es ein harter Kampf und ein langer Weg ist, der zu gehen ist. Aber es lohnt sich. Wir freuen uns auch, wenn wir die Patienten ein Stück des Weges begleiten können. Nicht selten haben sich durch die enge und vertraute Zusammenarbeit auch Freundschaften ergeben.

 


Kontakt:
stamos + braun prothesenwerk gmbh
Arnoldstraße 18d
01307 Dresden
Deutschland
Telefon: 0351 56379796
info@prothesenwerk.com
www.prothesenwerk.com

Fotos: stamos+braun
Titelbild: MATTHIASPOPP.COM