washabichGründertrio

„Wir sind wirkungsorientiert“

Wer kennt das Gefühl nicht: Nach einem Gespräch mit dem Arzt, einem Blick auf das Blutbild oder die kryptischen Buchstabenkombinationen auf Krankenscheinen, ist man noch viel verwirrter als vorher. ‚Was hab‘ ich?‘ bietet seit mittlerweile fünf Jahren Abhilfe. Wir haben Geschäftsführer, Ansgar Jonietz getroffen. Dieser wurde Anfang Juli in Berlin von der Zeitschrift ‚Technology Review‘ ausgezeichnet. Damit gehört er zu den „wichtigsten Innovatoren Deutschlands unter 35 Jahren“ und fügt der langen Liste von Auszeichnungen eine weitere hinzu.

 

Hallo Dresden: ‚Was hab‘ ich?‘ feiert dieses Jahr den fünften Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!
Ansgar Jonietz: Danke!

Hallo Dresden: Ihr habt in den vergangenen Jahren eine beträchtliche Sammlung an Auszeichnungen zusammentragen können. Was ist das für ein Gefühl nach einer so verhältnismäßig kurzen Unternehmensgeschichte?
Ansgar Jonietz: Aus Start-Up-Sicht ist das schon ziemlich viel, wir überlegen auch oft, ob wir uns noch als Start Up sehen können – wir denken schon. Auszeichnungen sind einfach eine tolle Bestätigung. Es ist uns total wichtig, dass wir damit auch wieder eine Botschaft nach außen tragen. Wir haben kein Werbebudget, aber es ist trotzdem wichtig, dass die Patienten uns kennen. Und sowas ist einfach ein Anlass worüber man berichten kann und eine tolle Bestätigung für unsere Arbeit.

Hallo Dresden: Hast Du das vor fünf Jahren, in der Entwicklungsphase, erwartet?
Ansgar Jonietz: Nein, also wir haben das so nicht erwartet und kommen gesehen. Wir haben schon alles dafür getan, damit es möglichst schnell und groß wird, aber in dieser Form war das nicht zu erwarten.

Hallo Dresden: Wie ist diese Idee damals entstanden?
Ansgar Jonietz: Als Medizinstudent wird man häufiger von Familienmitgliedern oder Bekannten gefragt: „Ich war beim Arzt und versteh nicht, was der mir gesagt hat oder was der mir aufgeschrieben hat. Du studierst doch Medizin, kannst du mir das erklären?“ Das kann man dann auch als Medizinstudent. 2011 haben wir uns dann gefragt, was ein Patient in so einer Situation macht, wenn er keinen Mediziner greifbar hat? An wen wendet der sich? Ja und wir konnten uns schon vorstellen, dass es da diesen Bedarf gibt und wollten das mal ausprobieren, vier Tage später sind wir dann mit der Webseite ‚washabich.de‘ online gegangen.

WasHabIch.AnsgarJonietz_c.SachsenVerlag

Für Geschäftsführer Ansgar Jonietz ist „Was hab‘ ich?“ eine Herzensangelegenheit – mit viel Entwicklungspotenzial.

 

Hallo Dresden: Wie bist Du, als der einzige Nichtmediziner im Gründertrio, zu Anja und Johannes Bittner gestoßen?
Ansgar Jonietz: Ich habe Informatik studiert, früher als selbstständiger Software-Entwickler gearbeitet und hatte schon immer unternehmerischen Antrieb, hatte aber mit Medizin überhaupt nichts zu tun. Die beiden anderen waren damals Medizinstudenten. Wir hatten schon früher gemeinsame Projekte, deswegen hat sich die Konstellation so ergeben. Wir konnten dann direkt loslegen mit der Kombination aus IT-Kompetenz und der medizinischen Kompetenz. Deswegen konnten wir am Anfang auch so schnell sein. – Anja und Johannes haben „Was hab‘ ich?“ Anfang des Jahres des Jahres verlassen und widmen sich jetzt anderen Projekten.

Hallo Dresden: Das Konzept von ‚Was hab‘ ich?‘ basiert auf der verbesserungswürdigen Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten, ist diese wirklich so schlimm? Woher kommt das Deiner Meinung nach?
Ansgar Jonietz: Es gibt viele Ursachen für das Problem an dem wir hier arbeiten. Eine ist zum Beispiel, was viele Ärzte nicht gut können – die Kommunikation. Im Medizinstudium lernt man als erstes sich möglichst intelligent auf Latein oder in Griechisch auszudrücken. Erst nach und nach beginnt es an den medizinischen Fakultäten, dass man lernt, wie das geht, mit den Patienten zu sprechen.

Hallo Dresden: Wie das? Gibt es so etwas wie „Probesprechstunden“?
Ansgar Jonietz: So ähnlich. Man übt zum Beispiel, Schauspielpatienten eine schwierige Diagnose zu vermitteln. Aus unserer Sicht ist das immer noch viel zu wenig, wenn man im gesamten Studium zwei Mal mit einem Schauspielpatienten spricht. Der Arzt ist eigentlich ein sprechender Beruf, er spricht 90 Prozent seiner Zeit mit den Patienten und muss Informationen austauschen.

WasHabIch-Brochure

Auch hier gilt: Gut ist, wenn man was in der Hand hat, um sich zu informieren. Das „Was hab‘ ich“-Team hat eine Info-Broschüre zusammengestellt.

 

Hallo Dresden: Und was daran klappt nicht?
Ansgar Jonietz: Ich glaube, es gibt tatsächlich viele Ärzte, die das nicht gut können, die erstmal in ihrer Fachsprache reden und kein gutes Bewusstsein dafür haben, was man als Patient davon vielleicht versteht oder nicht versteht. Mir fällt das auch selbst auf, wenn ich bei meiner HNO-Ärztin bin und sie fragt mich in meinem Anamnesegespräch, ob ich unter Hypotonie leide (Hypotonie = niedriger Blutdruck, Anm. d. Red.). Ich denk mir dann: ‚Das fragt sie jeden Tag 30 Mal einen Patienten, 30 Jahre lang – das kann sie so nicht machen. Sie müsste wissen, dass das ein Begriff ist, den ich als Laie nicht verstehe‘. Aber auch wenn der Arzt alles gut erklärt, dann ist das nur eine mündliche Information…

Hallo Dresden: …und wenn ich dann Zuhause bin, habe ich die Hälfte wieder vergessen.
Ansgar Jonietz: Genau! Es gibt Studien, dass bis zu 80 Prozent der Informationen aus dem Arztgespräch verloren gehen, zum Beispiel weil der Patient aufgeregt ist. Wenn die Angehörigen dann zuhause fragen ‚Was hat der Arzt gesagt?‘, kann man davon nicht mehr viel wiedergeben. Deswegen finden wir es wichtig, dass es auch schriftliche Informationen gibt. Beim Befund gibt es die ja auch, allerdings nicht für den Patienten verständlich geschrieben. Dann ist noch ein anderes Thema, dass die Interessen des Patienten sich einfach gewandelt haben. Heute sprechen wir vom ‚mündigen Patienten‘, der sich für seinen Körper, für seine Gesundheit interessiert. Vor Jahrzehnten war das Rollenverständnis noch ganz anders: Der Arzt war eher noch der ‚Halbgott in Weiß‘, bei dem man gesagt hat: ‚Der weiß das am besten, der hat das studiert, der soll das entscheiden‘. Heute ist der Patient ganz anders interessiert, auch möchte er mitentscheiden. Da ist es wichtig, dass es der Patient versteht, dass er weiß, warum er seine Tabletten nehmen soll. Das führt auch dazu, dass er sich selbst therapietreuer verhalten wird.

WashabichCheckliste

Die Mitarbeiter von „Was hab‘ ich?“ sammeln wichtige und hilfreiche Informationen, um sie an die Patienten weiterzugeben.

 

Hallo Dresden: Wenn ein Arzt es nicht schafft einem Patienten nach dreißig Jahren Praxis etwas verständlich zu erklären, wie soll es dann ein Medizinstudent aus eurem ehrenamtlichen Team können?
Ansgar Jonietz: Angefangen hat es zwar mit dem Service, den wir für Patienten bieten, aber auf der anderen Seite passiert ja etwas mit den Medizinstudenten und Ärzten, die diese Befundübersetzung schreiben. Die lernen nämlich genau diese Kommunikation bei uns. Das hatten wir am Anfang gar nicht so auf dem Schirm. Das hat sich aber zu einem sehr wichtigen Teil unserer Arbeit entwickelt, weil es auch sehr nachhaltig ist: Also der Patient, der kommt vielleicht in drei Wochen mit dem nächsten Befund wieder zu uns, den er nicht versteht. Der Mediziner auf der anderen Seite wird in den nächsten vierzig Berufsjahren bessere Patientengespräche führen können.

Hallo Dresden: Was gehört zum Rüstzeug eines ‚Was hab ich?‘-Mitarbeiters?
Ansgar Jonietz: Jeder Mediziner der neu in unser Team kommt, wird von uns betreut. Die ersten Übersetzungen, die er macht, werden immer telefonisch mit ihm besprochen. Er lernt also wirklich wie er die Fremdwörter erkennt und ein Bewusstsein für seine Fachsprache entwickelt, wie er komplexe medizinische Sachverhalte patientengerecht aufbereiten kann und eine einfache Sprache wählt.

Hallo Dresden: Trainiert ihr auch Mediziner außerhalb eures Netzwerks?
Ansgar Jonietz: Unser Wissen bieten wir mittlerweile auch in Kursen an Universitäten an. Auch hier in Dresden haben wir schon ein paar Kurse durchgeführt, wo Medizinstudenten Befunde übersetzen und von uns geschult werden. Im Prinzip so wie auch unsere ehrenamtlichen Mitglieder, aber eben im Rahmen ihres Medizinstudiums. Sie machen am Ende auch eine Prüfung und bekommen ihren Schein, der im Studium anerkannt wird. Angeboten und durchgeführt werden die Kurse von uns; wir haben jetzt drei festangestellte Ärzte bei uns im Team, die diese betreuen.

Hallo Dresden: Wo wird die Reise für euch in den nächsten Jahren hingehen?
Ansgar Jonietz: Also wir versuchen unsere Wirkung weiter zu erhöhen. Wir sind als gemeinnützige GmbH ja nicht gewinnorientiert, sondern wirkungsorientiert. Wir merken, dass wir auf der Medizinerseite – mit den Wahlfächern und Ähnlichem – eine sehr gute Wirkung erzielen können. Und wir arbeiten gerade daran, das auf Patientenseite noch stärker auszubauen. Wir haben inzwischen über 28000 Befunde übersetzt, was ganz schön viel – und viel Arbeit – ist. Damit konnten wir vielen Patienten helfen.

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Hallo Dresden: Aber wenn man überlegt, wie viele Befunde in den vergangenen Jahren geschrieben wurden, in Krankenhäusern und Praxen, dann ist das doch wohl nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein…
Ansgar Jonietz: Durchaus. Deshalb arbeiten wir im Moment zum Beispiel mit Kliniken zusammen, wobei es darum geht, dem Patienten bei der Entlassung direkt verständliche Informationen zu geben. Der Gedanke ist: Man wird über Tage oder Wochen professionell in der Klinik betreut und dann wird man entlassen und kriegt nur einen Arztbrief, den man nicht versteht, der nicht für einen selbst geschrieben wurde. Warum bekommt man da keinen Patientenbrief? In diesem Patientenbrief soll dann laienverständlich drin stehen: ‚Warum war ich in der Klinik? Was ist dort mit mir passiert? Wie geht es weiter? Welche Medikamente soll ich nehmen? Warum soll ich die nehmen?‘ – Das machen wir jetzt seit einem halben Jahr in einem Pilotprojekt mit einer Klinik in Rheinland-Pfalz, wo wir diese Patientenbriefe erstellen. Die Vision ist, dass jeder Patient am Ende seines Klinikaufenthalts einen solchen Patientenbrief erhält. Das ist für uns ein sehr wichtiges Projekt. Wir arbeiten auch gerade an einer stärkeren Automatisierung, damit wir mit möglichst wenig Aufwand, möglichst viele von diesen Patientenbriefen möglichst individuell erzeugen können.

Hallo Dresden: Wenn ihr die Ärzte weiterbildet in ihrer Kommunikationskompetenz, ist es dann nicht so, dass ihr darauf hinarbeitet, euch überflüssig zu machen?
Ansgar Jonietz: Das könnte man denken, ja. Es ist zum Glück als soziales Unternehmen gar nicht so schlimm, wenn man sich überflüssig macht. Klar könnte man denken, dass, wenn künftig jeder Patient einen Patientenbrief erhält, dann werden bei ‚Was hab‘ ich?‘ keine Entlassungsbriefe mehr eingesendet. Das wäre das Beste was passieren kann! Durch die Themen ‚Patientenbrief‘ und ‚Ausbildung der Mediziner‘, werden wir aber noch eine Weile beschäftigt sein.


 

Kontakt
„Was hab‘ ich?“ gGmbH
Theaterstraße 4
01067 Dresden
https://washabich.de
http://gesundheit.gelbeseiten.de/Was-hab-ich

 

Fotos: SachsenVerlag (Potrait) / Archiv „Was hab‘ ich“ / Broschüre „Der Nächste, bitte!“ / Screenshot Unternehmensseite