„Glauben kann für Kinder eine Möglichkeit sein, Urvertrauen zu spüren“

Die ersten Eindrücke im Leben prägen nachhaltig. Und wenn Kinder einen großen Teil Ihrer Zeit in einer Kindertageseinrichtung verbringen, dann wollen sich die Eltern sicher sein, dass es der richtige Platz für ihr Kind ist. Die evangelische Kita „Kindergarten Sonnenhügel“ ist ein vielfältiger Ort des Erlebens. Sylvia Engel kümmert sich mit Ihrem Team um die Kinder in Cotta.

Hallo Dresden: Der Kindergarten Sonnenhügel pflegt eine enge Partnerschaft mit der Heilandskirchgemeinde und zum Kirchspiel West. Wer sein Kind bei euch betreuen lässt, sollte demnach dem christlichen Glauben nahestehen…
Sylvia Engel: Nahestehen heißt für uns, mindestens eine Akzeptanz zu entwickeln gegenüber christlichen Werten, Festen und Ritualen. Kommen Kinder in unsere Einrichtung, hören sie biblische Geschichten, sehen christliche Symbole und kommen mit Gebeten in Berührung. Wir gestalten gemeinsam mit den Kindern Gottesdienste und feiern Feste inhaltlich nach dem christlichen Jahreskreis. Da kommen im Elternhaus schon der eine oder andere Gedanke, Ausspruch sowie Lieder und Gebete an. Wenn dafür die Akzeptanz der Eltern fehlt und die Kinder eine Ablehnung der christlichen Inhalte spüren, irritiert sie das und die Sprösslinge wachsen in verschiedenen Wertesystemen auf. Manchmal fragen mich Eltern, ob eine Taufe oder Kirchenzugehörigkeit notwendig für eine Platzzusage ist. Das kann ich mit gutem Gewissen verneinen. Glauben leben, verstehen wir als Angebot, wir wollen und werden niemanden dazu verpflichten.

Hallo Dresden: Welche Rolle übernehmen Kirchgemeinde und Kirchspiel in der Partnerschaft?
Sylvia Engel: Als erstes ist das Kirchspiel Dresden West Vermieter der Räume, welche wir nutzen. Erlebbar für unsere Familien ist die Heilandskirchgemeinde, die zum Kirchspiel Dresden West gehört, zu den Gottesdiensten, welche wir dreimal im Jahr miteinander feiern – im Frühjahr, zum Erntedank und im Advent. Der Pfarrer der Kirchgemeinde kommt regelmäßig zu einem großen Morgenkreis für alle Mädchen und Jungen des Kindergartens. Weiterhin gibt es interessierte engagierte Gemeindemitglieder, welche sich für unsere Arbeit tatkräftig einsetzen. Zusammengeschlossen haben sie sich im Freundeskreis des Kindergartens und organisieren Flohmärkte, Kirchencafés, musikalische Angebote und andere Aktivitäten, um die Einrichtung finanziell zu unterstützen.

Hallo Dresden: Wie präsent ist Kirche, ist Gott, ist Glauben im Alltag der Kita?
Sylvia Engel: Das Kirchgebäude ist durch seine unmittelbar greifbare Nähe sehr präsent: Unser Garten grenzt direkt an die Kirchenmauer. Da kann man dem Kantor von draußen beim Orgel üben zuhören. Die Glockenschläge begleiten uns durch den Tag und werden von den Kindern oft gezählt; Mittags lauschen wir während der Mahlzeit auf das Zwölf-Uhr-Läuten. Die „Winterkirche“ nutzen wir zu thematischen Morgenkreisen oder musikalischen Angeboten. In diesem Raum steht übrigens ein besonderer Altar mit einem jubelnden Jesus, wie die Kinder meinen. Des Weiteren sind wir überzeugt, dass Menschen nicht nur als rationale Wesen auf die Welt kommen. Wir möchten daher auch der Seele Nahrung geben und die Welt in einen größeren göttlichen Zusammenhang stellen. Glauben leben, heißt für uns als Team, einen Alltagsbezug der Religiosität zur Kinderwelt herzustellen: Christliche Symbolik vermitteln wir gern als etwas uns natürlich Umgebendes und nicht als etwas aufgesetzt Besonderes, zum Beispiel das Staunen über die uns umgebende Umwelt; Achtung jeder Persönlichkeit als gewolltes Geschöpf; kein Ausklammern von Sterben und Tod; Annahme in Ärger, Traurigkeit und Schmerz; Beachten und Zulassen von kindlichen Gottesbildern.

Hallo Dresden: Wie hilft der Glauben den Kindern?
Sylvia Engel: Glauben kann für Kinder eine Möglichkeit sein, in unsicheren Situationen, in denen sie auf sich selbst gestellt sind, Urvertrauen zu spüren oder Mut zu entwickeln. In Gesprächen, interessanter Weise meist bei den Mahlzeiten, erzählten mir Kinder, wie sie abends beteten und dann besser einschlafen konnten oder eine genaue Vorstellung haben, dass das schmerzlich vermisste Haustier jetzt im sicheren Tierhimmel ist. Jesus-Geschichten bieten viel Stoff für die Entwicklung von Wertevorstellungen im Zusammenleben. Kinder können sich darin ausprobieren und ihre eigenen Erfahrungen machen.

Hallo Dresden: Eine Kita ist jedoch nicht allein ein Hort für die Kinder, sondern auch ein wichtiger Kommunikationsort für und mit den Eltern. Welche Angebote nutzen die Eltern schon rege?
Sylvia Engel: Unsere Elternabende und gemeinsamen Gottesdienste sind gut besucht und werden auch aktiv von Eltern unterstützt. Im Alltag gibt es viele Möglichkeiten der Teilhabe am Kindergartenleben. Wir lassen uns von den Neigungen und Ideen der Eltern inspirieren. So entsteht eine Identifikation mit der Einrichtung, welche gegenseitig sehr befruchtend wirkt. Elternangebote werden nicht an einer bestimmten Aktion festgemacht. Der Träger der Einrichtung, das Diakonische Werk–Stadtmission Dresden e. V., organisiert alle zwei Jahre eine Elternbefragung. In dieser wird uns stets bestätigt, dass die Beteiligung der Eltern am Kindergartenleben als positiv empfunden wird.

Hallo Dresden: Und in welchen Bereichen würdet ihr euch noch mehr Interesse oder Beteiligung der Eltern wünschen?
Sylvia Engel: Wir würden uns freuen, wenn die Vorbereitungen von Aktivitäten auf noch breiteren Schultern verteilt wären. Außerdem ist das Lesen von Aushängen für manche eine Herausforderung, wobei wir gerade auf diesem Weg aktuelle Informationen an alle Eltern herantragen können. Wir wissen jedoch, dass berufstätige Mütter und Väter noch ganz andere logistische und organisatorische Gegebenheiten unter einen Hut bringen müssen – da rutscht ein Blick zur Infotafel auch mal durch.

Hallo Dresden: Eine Besonderheit in eurem Haus ist der „Spielflur“. Was hat es damit auf sich?
Sylvia Engel: Der Spielflur hat eine Doppelfunktion. Am Wochenende oder am Abend ist er Zugang und Garderobe für die „Winterkirche“, einem Saal für Gemeindeveranstaltungen. In der Öffnungszeit des Kindergartens dient dieser Flur als Spielort für unsre Kinder. An kleinen ausklappbaren Wandtischen gibt es allerlei Spielbares zu entdecken und auszuprobieren. Weiterhin stehen kleine Bodenteppiche zur Nutzung zur Verfügung. Wir verstehen diesen Flur als dritten Spielort neben den beiden Gruppenräumen, welche daran angrenzen. Unserer Architektin und der Tischlerei ist hier ein wirklich multifunktionales Meisterstück gelungen!

 

Hallo Dresden: Bei euch gibt es wenig „vorgefertigtes“ Spielzeug. Das heißt, die Kinder erschaffen sich ihre Spielwelten selbst. Wie kommen sie damit zurecht?
Sylvia Engel: Wir erleben Kinder als Baumeister ihres Selbst mit ganz eigenen Gedanken und Ideen. So sollen sie ihre Welt nicht nur durch Erwachsenenaugen betrachten, sondern durch ihre eigenen. Veränderbare Spielräume dienen als Mittel zur Entwicklung, wachsen mit und bieten immer wieder neue Herausforderungen. So lädt die Spielecke mit einer einfachen Bank und einem Spiegel zum Verkleiden ein, wird dann zur Hundehütte, zum Kaufmannsladen oder zur Autorennstrecke. Die kindliche Entwicklung vollzieht sich in den ersten sechs Lebensjahren sehr rasant. Interessant ist alles, was Herausforderungen oder neue Erkenntnisse verspricht. Ein Puzzle oder einfache Brettspiele haben sich irgendwann abgespielt. Jedoch kann man mit Tüchern, Seilen, Muggelsteinen, Röhren oder auch Schütt- und Schöpfspielen in allen Entwicklungsbereichen stets neue Herausforderungen erleben. Ebenso sind wir der Auffassung, dass selbstmotiviertes Spielen und Entdecken ein Lernen mit Langzeitwirkung ist.

Hallo Dresden: Nicht umsonst habt ihr euch den Namen „Sonnenhügel“ gegeben: Was machen die Kinder draußen am liebsten?
Sylvia Engel: Graben, matschen, Insekten beobachten, von Beeten und Sträuchern naschen, Holzstämme schleppen, in der Außenwerkstatt werkeln, rutschen und klettern, im Winter Po-Rutscher fahren, im Sommer mit dem Rasensprinkler um die Wette hüpfen, draußen Morgenkreise und Mahlzeiten erleben. Dem Hausmeister beim Kehren helfen, gärtnern, selbst für Sauberkeit und Ordnung in der Spielgarage sorgen… Jeder Tag ist neu und anders!

Sylvia Engel von der Diakonie Dresden kümmert sich mit ihrem Team um die Kinder auf dem Sonnenhügel.

Sylvia Engel von der Diakonie Dresden kümmert sich mit ihrem Team um die Kinder auf dem Sonnenhügel.

 

Hallo Dresden: Wie gelingt es euch, dass die Kinder sich wohlfühlen?
Sylvia Engel: Das Zauberwort heißt Beteiligung. Die Pädagogen achten auf Ideen, Gedanken und Wünsche der Kinder, sind sie auch noch so leise. Wir unterstützen die Jungen und Mädchen nach Möglichkeit und Notwendigkeit bei der Realisierung und erfahren somit viel von ihrem Entwicklungsstand und ihren Bewältigungsstrategien. Kinder nehmen sich somit auf positive Weise selbstwirksam wahr. Zufriedenheit stellt sich ein. Das gibt Selbstvertrauen, um neue, unbekannte Schritte zu wagen. Weiterhin erfahren sich die Kinder als Teil einer Gemeinschaft, in der sie gern agieren und sich wohlfühlen. So kommen sie meist jeden Tag gern auf unseren „Sonnenhügel“.


 

Kontakt
Evangelische Kindertageseinrichtung „Kindergarten Sonnenhügel“
An der Heilandskirche 3
01157 Dresden
Telefon: 0351 42446677
Mail: evkitacotta.leitung@diakonie-dresden.de
www.diakonie-dresden.de/einrichtungen/kindertagesstaetten/kita-dresden-cotta-kindergarten-sonnenhuegel.html

 

Fotos: Diakonie Dresden / Eric Münch