„Puppentheater ist für alle lohnenswert“

Papier, Stoff, Holz, Plastik, Farben, Federn usw. – die Materialvielfalt der Figuren ist unüberschaubar. Ein Blick in die Puppentheatersammlung lässt einen erahnen wie viele Geschichten hier zwischen den Figuren schlummern. Der Verein „Freunde der Puppentheatersammlung Dresden“ will mit seinen Aktivitäten auf die Sammlung und das Genre Puppentheater aufmerksam machen und unterstützt die Sammlung bei Ankäufen. Alexandra Löser ist die Vorsitzende des Vereins und hat sich, zusammen mit Lars Rebehn, dem Konservator der Sammlung, unseren Fragen gestellt.

Hallo Dresden: Im Oktober 2016 habt ihr eine Puppenspielwoche anlässlich eures 25-jährigen Bestehens auf die Beine gestellt. Euer Fazit: Kommt Figurentheater in Dresden an?
Alexandra Löser: Die „Erst-beste Puppenspielwoche“ war ein Erfolg, vor allem die Kindervorstellungen waren sehr gut besucht. Für die Abendvorstellungen wünschen wir uns mehr Publikum – Puppentheater ist für alle lohnenswert und war – historisch betrachtet – sogar lange Zeit nur auf ein Erwachsenenpublikum ausgelegt.

Ein kleiner Kasper zum Mitnehmen: Die Wackelkasper sind Sonderanfertigungen eines erzgebirgischen Handwerkers anlässlich des 25-jährigen Jubiläums. Wer mag, kann die Figuren beim Förderverein kaufen – und damit die Sammlung unterstützen.

 

Hallo Dresden: Wird es erneut eine solche Veranstaltungsreihe geben?
Alexandra Löser: In diesem Jahr soll es im Spätsommer oder Frühherbst einen Puppenspieltag geben, unter anderem auch als Geburtstagsfeier, da die Puppentheatersammlung Dresden vor 65 Jahren gegründet wurde.

Hallo Dresden: Unterstützt ihr die Sammlung auch materiell?
Alexandra Löser: Deren Schatz zu ergänzen, ist eines unserer Anliegen. Zum Beispiel konnten wir im Herbst 2016 die Transportkosten einer Schenkung aus Kanada unterstützen. Es handelte sich um die letzten Figuren des Puppenspielers Oskar Barthold. Aktuell haben wir einen Ankauf einer Marionette und zweier Marionettenköpfe des Spielers Gustav Richters getätigt – die Objekte gehen nun als Schenkung des Vereins an die Sammlung.

Eine von Oskar Bartholds letzten Figuren hat ihren Weg von Kanada nach Dresden gefunden.

 

Hallo Dresden: Die Puppentheatersammlung ist in Dresden beheimatet: Aus welcher Herren Länder kommen denn die Figuren?
Alexandra Löser: Der Sammlungsschwerpunkt liegt auf dem mitteldeutschen und mitteleuropäischen Raum. Zudem gibt es aber auch zahlreiche Objekte aus Asien, wie beispielsweise die Schattentheater oder die Wassermarionetten aus Vietnam.

Hallo Dresden: Und Dresden selbst: Hat unsere Stadt auch eine nennenswerte eigene Historie was Figurentheater angeht?
Alexandra Löser: Nicht nur Dresden, sondern ganz Sachsen hat eine sehr hohe Dichte an Puppenbühnen, aktuell wie historisch – schon seit seinen Zeiten als Kurfürstentum.

Hallo Dresden: Wie tragt ihr dazu bei, dass sich Jung und Alt in Dresden mit Puppentheater auseinandersetzen?
Alexandra Löser: In unserem Veranstaltungsprogramm achten wir darauf, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, ansprechende Formate anzubieten. Zur Museumsnacht oder dem Tag der offenen Alberstadt, die der Verein stets unterstützt, gibt es zahlreiche Angebote für alle Altersgruppen. Insgesamt wollen wir helfen, diese fantastische Sammlung in den Blick der Öffentlichkeit zu bringen.

Hallo Dresden: Sind es eigentlich eher Kinder oder eher Erwachsene, die sich für Puppentheateraufführungen oder das Drumherum interessieren?
Alexandra Löser: Hier vor Ort sind es vor allem Familien, die ins Puppentheater gehen. Natürlich filtern die Erwachsenen die Veranstaltungen, aber zumeist unter dem Aspekt, dass es was für die Kinder sein soll. In Westdeutschland ist das Zuschauerverhältnis übrigens umgekehrt.

Hallo Dresden: Welche Anlaufstellen empfehlt ihr in Dresden für all jene, die sich gern Puppentheater ansehen?
Alexandra Löser: Das Theater Junge Generation mit seinem neuen Standort im Kulturkraftwerk Mitte hat ein Puppentheater mit ständigen Veranstaltungen. Als Privattheater sei das AUGUST-Theater und als Ausflugsziel die Zschoner Mühle genannt. Außerdem gibt es in Dresden und Umgebung zahlreiche private Puppenbühnen, die Vorstellungen auf Anfragen geben, so zum Beispiel das Figurentheater Karla Wintermann und das Puppentheater Funke.

Hallo Dresden: Was ist für euch das wertvollste oder liebste Sammlungsstück?
Lars Rebehn: Die Grazer Marionetten der Linzer Puppenspiele von 1921.
Alexandra Löser: Der Bestand des Theatrum mundi, den ich im Rahmen des Daphne-Projektes komplett erfassen durfte und dessen Entwicklungen sowie Komplexität ich in Bezug auf das Marionettentheater kennengelernt habe. Die in der Sammlung vorhandenen Objekte stammen aus den Zeiten von ca. 1850 bis in die Zeiten des modernen Puppentheaters.

Hallo Dresden: Der Standort des Archivs in der Garnisonskirche ist nicht sehr publikumswirksam, die Ausstellungsfläche im Jägerhof recht knapp. Immer wieder ist von einem Umzug die Rede? Ist etwas Konkretes absehbar?
Lars Rebehn: Es gibt konkrete Pläne, dass die Puppentheatersammlung in das Kulturkraftwerk Mitte zieht. Eine Entscheidung steht aber noch aus.

Hallo Dresden: Davon abgesehen: Wenn ihr es euch wünschen dürftet: Wie stellt ihr euch die Zukunft der Puppentheatersammlung vor?
Alexandra Löser: Die Puppentheatersammlung hat endlich einen festen Standort ohne Interimslösung verdient. Dazu gehört eine Dauerausstellung, um größere Teile der Sammlung der Öffentlichkeit zeigen zu können. Zudem wächst die Sammlung stetig, dies unterscheidet sie auch von manch anderen Museen.

Hallo Dresden: Wie unterscheiden sich Geschichten im Figurentheater von Geschichten, z. B. am Theater mit menschlichen Schauspielern oder gar jenen von Filmen?
Alexandra Löser: Die Inhalte unterscheiden sich nicht zwangsläufig. Historisch gibt es Stücke, die im Puppentheater, speziell im Marionettentheater, viel öfter und erfolgreicher als im Schauspiel gespielt wurden. Dies hängt auch mit der lustigen Figur zusammen. Zudem kann das (moderne) Puppentheater die Möglichkeit mehrerer Erzählebenen nutzen und diese sind stets live und nicht zusammengesetzt, wie im Film.

Hallo Dresden: Was macht dabei die „Faszination Puppentheater“ aus?
Alexandra Löser: Zwischen Spieler und Zuschauer „steht“ eine Puppe, ein zunächst lebloses Objekt. Die Kunst des Puppentheaters besteht meiner Meinung nach in der Animation, des Belebens der Puppe, die sich in ganz unterschiedlicher und wechselnder Beziehung zum Spieler und Publikum befinden kann.

Hallo Dresden: Was braucht es für eine gelungene Puppentheatervorstellung?
Alexandra Löser: Eine gute Dramaturgie ist, wie für andere Theaterformen auch, im Puppentheater wichtig. Dazu sollten natürlich auch die Figuren in ihrer Gestaltung passen und je nach ihrer Funktion gut spielbar sein.

Hallo Dresden: Gibt es Trends in der Gestaltung der Figuren, der Accessoires oder der Bühnen?
Alexandra Löser: Wie in allen Bereichen, gibt es auch im Puppentheater Trends. Seit einiger Zeit anhaltend ist die offene Spielweise, das heißt, die Spieler sind sichtbar. Dies hat einen großen Reiz ähnlich der offenen Verwandlung auf der Schauspielbühne. Geht die Tendenz allerdings in Richtung sinnfreier Loslösung der Puppe vom Spieler, erhält für mich die halboffene Spielweise wieder einen größeren Reiz, da sie mit dem Grundthema von Theater, der ‚Illusion‘, spielt.


Puppentheatersammlung

  • Anzahl der Puppen: ca. 10.000
  • älteste Figur: eine Marionette von Lorgie von ca. 1790
  • exotischste Figur: „Goblin“ von Jim Henson aus dem Film „Labyrinth“ von 1986
  • Dokumentation/Bibliothek: mit ca. 120 laufenden Metern (nach Anmeldung auch für Recherchezwecke nutzbar)
  • Einblicke in die Bestände der Sammlung: skd-online-collection.skd.museum

Kontakt
Freunde der Puppentheatersammlung Dresden e. V.
Garnisonkirche, Eingang D
Stauffenbergallee 9
01099 Dresden
Telefon: 0351 49143700
E-Mail: post@puppentheaterfreunde.de
Web: www.puppentheaterfreunde.de

Fotos: Freunde der Puppentheatersammlung Dresden e. V.