Bildungsreise: Die Schüler und Schülerinnen des Förderzentrums Makarenko aus Dresden sind mit dem Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte auf Spurensuche. Hier sind sie auf dem sächsischen Soldatenfriedhof in Connantre/Frankreich.

„Uns eint die Aussöhnung über den Gräbern der vielen Kriege“

Die Militärgeschichte Sachsens als Bestandteil der Landesgeschichte ist vielfältig an Themen und Ereignissen. Der Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte e. V. Dresden nimmt sich ihrer an: Das Engagement reicht von der Versöhnung über den Kriegsgräbern, über Vorträge zur Militärgeschichte Sachsens bis hin zu Exkursionen an die Ereignisorte sächsischer Geschichte. Der Vereinsvorsitzende Dr. Hannes Täger und seine Mitstreiter sind mit viel Elan und Zeitaufwand dabei.

Hallo Dresden: Mit welchen Themen und Zeitepochen beschäftigt ihr euch?
Hannes Täger: Zurzeit recherchieren wir mit Schülerinnen und Schülern des FZ Makarenko aufgrund einer Bitte unserer französischen Freunde aus der Vendée zu Gefallenen und Vermissten deutschen Soldaten in den Kämpfen vom Herbst 1914 im Raum Bapaume. Ein weiteres Projekt ist die Ermittlung von Nachkommen sächsischer Soldaten, die 1917 in der Gegend von Beine-Nauroy lagen; Hier brauchen wir die Hilfe aller Dresdener: Wer hat Vorfahren, die im Raum Beine-Nauroy und Moronvilliers gefallen oder vermisst sind? Bitte bei uns melden! Im Mai haben sie die Möglichkeit, an einer Gedenkveranstaltung in Nauroy auf Einladung der Bürgermeisterin von Beine-Nauroy teilzunehmen.

Hallo Dresden: Wie viele Mitglieder sind bei euch aktiv? Und aus welchen Bereichen bzw. biografischen Hintergrund arbeiten sie mit?
Hannes Täger: Wir sind rund 70 Mitglieder aus ganz Deutschland, aber auch einige Ausländer zählen dazu. Die meisten interessieren sich für sächsische Geschichte allgemein, aber auch für die Stadtgeschichte Dresdens oder zum Beispiel für Festungs- oder Uniformgeschichte. Einige Mitglieder waren auch Soldaten in der Bundeswehr bzw. NVA.

Hallo Dresden: Ihr seid oft auch in anderen Städten und sogar anderen Ländern präsent – sei es durch Ausstellungsstücke oder persönlich. Warum sind diese Reisen so wichtig?
Hannes Täger: Die Reisen dienen in erster Linie der Aussöhnung über den Kriegsgräbern und erfolgen meist auf Einladung zu den Gedenkveranstaltungen nach Polen, Tschechien, Frankreich und Wales. Durch uns wird dann auch der Freistaat Sachsen präsentiert und die weiß-grüne Fahne hat uns dabei schon viel geholfen. Das Interesse ist an unseren Besuchen ist groß: Wir können gar nicht alle Einladungen annehmen.

Hallo Dresden: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Militärgeschichte – ist diese gleich oder welche Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten stellt ihr bei euren Reisen fest?
Hannes Täger: In den meisten Ländern, die wir besucht haben, ist die Militärgeschichte als Bestandteil der Landesgeschichte wesentlich präsenter! Als Beispiel nenne ich nur die Gedenkveranstaltungen zum Deutschen Krieg von 1866. In dieser Auseinandersetzung ging es unter anderem auch um den Fortbestand des Landes Sachsens. In Tschechien wurden alle Kriegsgräber und Denkmale mit Hilfe der Städte und Regionen saniert. In Sachsen verfallen die Denkmale und die Erinnerung verblasst! Eins eint – und das ist die Aussöhnung über den Gräbern der vielen Kriege von der Krim (Halbinsel, heute: Russland/Ukraine) bis nach Tsingtau (heute: Qingdao, China)!

Der Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte am Sachsendenkmal von 1866 in Wien. Das Denkmal auf dem Zentralfriedhof erinnert an die „Soldaten, die in den Feldhospitälern zu Wien ihren Wunden erlegen sind“. Unter Kronprinz Albert von Sachsen (ab 1873 König; † 1902) kämpfte Sachsen im Jahr 1866 an der Seite Österreichs gegen Preußen. Nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové; heute: im Nordosten der Tschechiens gelegen) erfolgte der Rückzug nach Süden quer durch Böhmen über Bratislava/Slowakei vor die Tore Wiens.

Der Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte am Sachsendenkmal von 1866 in Wien.
Das Denkmal auf dem Zentralfriedhof erinnert an die „Soldaten, die in den Feldhospitälern zu Wien ihren Wunden erlegen sind“. Unter Kronprinz Albert von Sachsen (ab 1873 König; † 1902) kämpfte Sachsen im Jahr 1866 an der Seite Österreichs gegen Preußen. Nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové; heute: im Nordosten Tschechiens gelegen) erfolgte der Rückzug nach Süden, quer durch Böhmen über Bratislava/Slowakei bis vor die Tore Wiens.

Hallo Dresden: In eurer Arbeit habt ihr viel mit dem Vermächtnis jener zu tun, die bei militärischen Handlungen ums Leben gekommen sind. Wie sind eure Erfahrungen: Wie kann ein angemessenes Gedenken aussehen?
Hannes Täger: Erst einmal sind alle Opfer eines Krieges, ob Soldat oder Zivilist. Und dann gilt das Primat der Politik! Angemessenes Gedenken ist schwierig, weil viele Länder ihre Geschichte aus ihrer Sicht sehen. Entscheidend ist für uns immer ein gemeinsames Gedenken.

Hallo Dresden: Als Verein arbeitet ihr auch mit Schülern zusammen, die sich mit historischen Themen auseinandersetzen. Wie gehen die jungen Leute von heute damit um, wenn sie ehemalige Kriegsschauplätze oder Kriegsgräberstätten besuchen?
Hannes Täger: Wir waren mit einer Schülergruppe in Verdun. Und wer, wie sie, in Verdun die riesigen Grabanlagen und das Fort Vaux gesehen hat, der hat begriffen, was Krieg ist!

Bildungsreise: Die Schüler und Schülerinnen des Förderzentrums Makarenko aus Dresden sind mit dem Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte auf Spurensuche. Hier sind sie auf dem sächsischen Soldatenfriedhof in Connantre/Frankreich.

Bildungsreise: Die Schüler und Schülerinnen des Förderzentrums Makarenko aus Dresden sind mit dem Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte auf Spurensuche. Hier sind sie auf dem sächsischen Soldatenfriedhof in Connantre/Frankreich.

Hallo Dresden: Was ist das Faszinierende an Militärgeschichte?
Hannes Täger: Zunächst einmal darf Faszination nicht mit Verherrlichung verwechselt werden! Die Anziehungskraft sächsischer Militärgeschichte ergibt sich vor allem aus der Darstellung und der Klärung menschlicher Schicksale und allem, was man für die Zukunft aus ihr lernen kann.

Hallo Dresden: Zu welchen Themen seid ihr noch auf der Suche nach Dokumenten und Ausstellungsstücken?
Hannes Täger: Wie eingangs erwähnt, beschäftigen wir uns gegenwärtig vor allem mit dem Ersten Weltkrieg und dafür suchen wir noch alle Arten von Unterlagen, Tagebüchern, Fotos sowie Ausrüstungsgegenständen. Insbesondere zum ehemaligen Garnisonfriedhof (Nordfriedhof Dresden) sind wir an Informationen stark interessiert.

Hallo Dresden: Welches Kapitel sächsischer bzw. Dresdner Historie kann aus eurer Sicht noch mehr Aufmerksamkeit vertragen?
Hannes Täger: Dazu gehört das Gedenken an die Opfer der militärischen Auseinandersetzungen allgemein. In Dresden wird zu viel vom 13. Februar 1945 überlagert! Es gibt scheinbar kein großes Interesse seitens der Politik an einer denkmalwürdigen Rekonstruktion des Ehrenhains der sächsischen Regimenter auf dem Nordfriedhof. Auch ist nach dem Erscheinen des Buches „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark kaum etwas in der Auseinandersetzung um den Ersten Weltkrieg in Sachsen passiert.

Das Waldhorn der 133er – Symbol des Sehnens nach dem Frieden: An Heilig Abend im Jahr 1914, im Schützengraben nahe der französischen Gemeinde Frelinghien, spielte ein deutscher Soldat auf diesem Waldhorn das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Das Waldhorn der 133er – Symbol des Sehnens nach dem Frieden: An Heilig Abend im Jahr 1914, im Schützengraben nahe der französischen Gemeinde Frelinghien, spielte ein deutscher Soldat auf diesem Waldhorn das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Hallo Dresden: Im Torhaus am Olbrichtplatz habt ihr auch kleine Ausstellungsräume: Was ist euer Lieblingsstück?
Hannes Täger: Schwerpunkt ist unsere kleine Ausstellung zum Weihnachtsfrieden von 1914 im Raum Frelinghien zwischen den Royal Welch Fusiliers und dem Kgl. Sächs. Infanterie-Regiment Nr. 133. Damit verbunden ist unser Lieblingsexponat, ein Waldhorn aus dem Bestand der Regimentskapelle der 133er, auf welchem am 24.12.1914 im Graben vor Frelinghien „Stille Nacht, Heilige Nacht“ geblasen wurde!


 

Kontakt
Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte e. V. Dresden
Olbrichtplatz, Torhaus li.,
01099 Dresden
Sprechzeit: mittwochs 10.00 Uhr bis 15.00 Uhr sowie nach Anmeldung
E-Mail: aksmg-dd@t-online.de
Web: aksmg.jimdo.com

Fotos: Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte e. V. Dresden